Fehler passieren - auf der Bühne wie in der Firma. Fahrlässig wird es erst, wenn man sie versteckt, statt sie aus der Welt zu schaffen. Ein Blick aus über 3 Jahrzehnten Bühne, für Führungskräfte, Gründer und alle, die Verantwortung tragen.
Einen neuen Song zum ersten Mal live zu spielen, ist ein merkwürdiges Gefühl. Egal, wie gut du vorbereitet bist - die Situation auf der Bühne ist eine andere. Du kannst sie vorher kaum simulieren. Und genau deshalb passiert es: Du vergisst kurz einen Teil, ein Übergang sitzt nicht, der Ablauf ist für einen Moment weg.
In dem Augenblick fühlt sich das ziemlich scheiße an. Aber der Fehler selbst ist nicht das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema ist, was du davor und danach damit machst. Und genau daran hängt auch die Fehlerkultur in jedem Unternehmen.
Fehler gehören zur Vorbereitung, nicht zum Auftritt
Wenn ein neuer Song ansteht, bereite ich ihn zu Hause in aller Ruhe vor. Ich spiele ihn, ich mache meine Fehler, ich lerne ihn besser zu spielen. Dann kommt die Probe - und da passiert auch noch der eine oder andere Patzer. Ich erinnere mich an eine bestimmte Wendung nicht, ein Übergang klemmt, der Ablauf ist kurz nicht parat.
Das ist völlig in Ordnung. Denn genau dafür ist die Vorbereitung da. Fehler sollen dort passieren, wo sie nichts kosten - nicht auf der Bühne. Und wenn in einer Probe doch mal etwas rausrutscht, setze ich mich vor der nächsten Show einfach noch mal hin. Das Ziel ist, dass dieses unangenehme Gefühl auf der Bühne gar nicht erst auftaucht, weil ich den Song wirklich beherrsche.
Übertragen aufs Unternehmen heißt das: Ein guter Teil der Fehler lässt sich nach vorne verlagern - in die Vorbereitung, in klare Abläufe, in die Übung. Nicht jeder Fehler muss erst live passieren, damit man aus ihm lernt.
Die Probe ist der sichere Raum - im Business auch
Was eine Probe so wertvoll macht: Da darf etwas schiefgehen. Wenn sich ein Teil komisch anhört, dann fassen wir es einfach an und bauen es um. Kein Drama. Ein Sound, ein Übergang zwischen zwei Songs - wir probieren, verwerfen, machen es besser.
Diesen sicheren Raum braucht auch jedes Team. Einen Ort, an dem man Dinge ausprobieren, hinterfragen und umbauen darf, ohne dass gleich jemand an den Pranger gestellt wird. Wo dieser Raum fehlt, passiert etwas Gefährliches: Die Fehler verschwinden nicht - sie tauchen nur später auf, an der teuersten Stelle. Nämlich beim Kunden.
Es ist wie mit dem Auftritt selbst. Wer nie in der Probe scheitern darf, scheitert irgendwann auf der Bühne. Das gilt für die Band genauso wie für die Firma. Denselben Gedanken habe ich auch in Souverän auftreten beschrieben: Die Ruhe im entscheidenden Moment ist erarbeitet, nicht angeboren.
Wer ein Problem sieht, muss es ansprechen
Und hier kommt der Punkt, an dem sich gute Fehlerkultur entscheidet.
Bei uns in der Band funktioniert das Umbauen nur unter einer Bedingung: Derjenige, der ein Problem mit einer Stelle hat - oder eine neue Idee -, muss es ansprechen. Erst dann können wir es gemeinsam lösen. Der Umgang ist individuell, aber die Lösung ist immer Teamarbeit. Was nicht ausgesprochen wird, kann niemand beheben.
Genau das ist der Kern jeder Fehlerkultur - in der Band wie im Unternehmen. Nicht die Frage, ob Fehler passieren. Sondern die Frage, ob sie ausgesprochen werden. Ein Team, in dem jeder seine Fehler für sich behält, weil er Ärger fürchtet, ist kein sicheres Team. Es ist nur ein leises.
Der teure Fehler ist der, über den keiner spricht
Ein Beispiel aus meinem Firmenalltag, das viele kennen dürften.
Es ist wichtig, dass wir überall die gleichen Abläufe haben. Sonst passiert Folgendes: In einem Telefonat mit einem Kunden wird ein kleiner Zusatzaufwand besprochen - und direkt angefangen. Obwohl die Absprache eigentlich lautet, für jeden Zusatzaufwand zuerst ein Angebot zu schreiben, egal wie klein er ist. Aber es wurde eben nur mündlich geklärt.
Am Ende weiß die Buchhaltung nicht, dass da noch eine Rechnung zu schreiben ist. Oder die Buchhaltung des Kunden findet kein Angebot dazu. Und dann muss man das irgendwie auflösen. Richtig unangenehm wird es, wenn das Projekt ohnehin nicht rund lief, der Kunde nicht glücklich ist - und sich plötzlich an gar keine Absprache mehr erinnert.
Das ist der klassische teure Fehler: Er entsteht nicht aus bösem Willen, sondern aus einem uneinheitlichen Ablauf und einer Absprache, die niemand festgehalten hat.
Fehler aus der Welt schaffen heißt: das System anpassen
Und jetzt der entscheidende Schritt - der, den viele auslassen.
Man kann so einen Fehler ärgerlich abhaken und auf die nächste Gelegenheit warten, es wieder falsch zu machen. Oder man behebt die Ursache. Bei uns heißt das: Wir passen es einmal an. Auf unserer Seite mit dem Team und dem Projektleiter. Auf der anderen Seite mit einer klaren Regel - für alles, was beauftragt wird, brauchen wir ein unterschriebenes Angebot oder ein schriftliches Okay per E-Mail. Völlig nachvollziehbar, für beide Seiten. Und das Problem tritt nicht wieder auf.
Das ist exakt dasselbe wie in der Probe: Wenn ein Übergang nicht funktioniert, spielen wir ihn nicht zehnmal falsch und ärgern uns. Wir bauen ihn um. Ein Fehler ist dann gut investiert, wenn er zu einem besseren Ablauf führt - und nicht nur zu einem schlechten Gewissen.
Wichtig dabei: Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden. Es geht darum, den Ablauf zu reparieren. Das ist das gleiche Prinzip, das in einer guten Band funktioniert: Alle hören hin, alle arbeiten daran. Wer bei Fehlern zuerst nach Schuld fragt, bekommt genau eines - Menschen, die ihre Fehler das nächste Mal verstecken.
Fehler sind nicht das Problem. Schweigen ist es.
Meine Haltung, klar gesagt: Fehler werden immer passieren. Auf der Bühne, im Büro, überall. Das ist normal (gut so) und nicht zu ändern.
Fahrlässig wird es an einer anderen Stelle: wenn man nicht darüber spricht und den Fehler nicht aus der Welt schafft. Ein Fehler, der angesprochen und behoben wird, macht dich und dein Team besser. Ein Fehler, der verschwiegen wird, kommt wieder - meist größer und teurer.
Deshalb ist die wichtigste Frage in deinem Unternehmen nicht „Wie verhindern wir jeden Fehler?” Die kannst du sowieso nicht mit Ja beantworten. Die wichtige Frage ist: „Trauen sich unsere Leute, Fehler anzusprechen - und schaffen wir sie danach wirklich aus der Welt?”
Beantworte die ehrlich. Alles andere ergibt sich daraus.
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