Ich hatte mal eine Phase, in der ich auf alles Ja gesagt habe.
Jedes Meeting, jede Anfrage, jedes „kannst du mal kurz”. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Tugend — engagiert, hilfsbereit, verfügbar. Tatsächlich war es das Gegenteil. Ich war ständig beschäftigt, aber selten konzentriert. Erschöpft, aber nie zufrieden. Mein Kalender war voll, mein Kopf leer.
Dann bin ich auf einen Satz von Derek Sivers gestoßen, der seitdem über meinem Schreibtisch steht: „Hell yeah, or no.”
Die Idee dahinter
Sivers’ Logik ist simpel. Wenn du eine Möglichkeit prüfst und deine erste Reaktion nicht „Hell yeah!” ist — also echte Begeisterung, echter Hunger, „das mache ich auf jeden Fall” — dann ist die Antwort Nein.
Kein „vielleicht”. Kein „ich schau mal”. Kein „eigentlich müsste ich …”. Wenn nicht Hell yeah, dann eben nicht.
Die meisten Leute fühlen sich davon erstmal überfordert. „Aber ich kann doch nicht zu allem Nein sagen, was nicht direkt aufpoppt.” Genau das ist der Punkt. Du sollst es nicht.
Warum das funktioniert
Wir sagen Ja aus den falschen Gründen. Aus Angst, eine Chance zu verpassen. Aus Angst, jemanden zu enttäuschen. Aus Angst, als schwierig zu gelten. Aus Höflichkeit. Aus Reflex.
Das Problem ist: jedes halbherzige Ja ist gleichzeitig ein Nein. Ein Nein gegenüber dem, was wirklich wichtig ist. Wenn ich Donnerstagabend in einem Termin sitze, der mich nicht weiterbringt, kann ich nicht gleichzeitig an dem Projekt arbeiten, das mir am Herzen liegt. Zeit ist ein Nullsummenspiel.
„Hell yeah or no” macht diese Gegenrechnung sichtbar. Jedes Ja ist ein Versprechen — und Versprechen sollten man halten können.
Wie ich es anwende
Ich habe für mich eine einfache Frage gefunden, die mir bei Entscheidungen hilft:
Würde ich dafür um 6 Uhr morgens aufstehen?
Wenn ja: rein. Wenn nicht: freundlich ablehnen. Diese Frage klingt simpel, ist aber unbestechlich. Sie schaltet die ganzen rationalisierenden Stimmen im Kopf aus („wäre vielleicht nützlich”, „könnte sich lohnen”) und geht direkt an den Bauch.
[ANPASSEN: konkrete Geschichte/Anekdote, wo diese Frage dich vor einer falschen Entscheidung bewahrt hat]
Drei Sachen, die sich seitdem geändert haben
Erstens: Ich bin pünktlicher. Wenn ich nur noch Termine habe, die ich wirklich will, komme ich auch gerne hin. Vorher habe ich Termine zerdehnt, verschoben, vergessen — alles unbewusste Selbstsabotage. Heute sind weniger Termine im Kalender, aber jeder einzelne hat Substanz.
Zweitens: Ich bin ehrlicher. Ich muss nicht mehr Ausreden erfinden, wenn ich absage. Ein einfaches „Das passt für mich gerade nicht” reicht. Die meisten Leute schätzen Klarheit mehr als höfliche Lügen.
Drittens: Ich habe wieder Zeit zu denken. Klingt banal, ist es nicht. Wer ständig in Meetings ist, denkt nicht — der reagiert. Wer leere Stellen im Kalender hat, kann Sachen sortieren, hinterfragen, weiterspinnen. Genau dort entstehen die guten Ideen.
Wo die Regel an ihre Grenzen kommt
Ich will nicht so tun, als wäre „Hell yeah or no” eine Wunderformel. Es gibt drei Situationen, in denen sie nicht funktioniert oder gefährlich wird.
Erstens — Bei Verantwortung gegenüber anderen. Wenn jemand in meinem Team mich braucht oder ein Familienmitglied Hilfe braucht, ist das nicht optional. Da kann ich nicht den Bauchgefühl-Filter ansetzen. Dann gilt „Ja, weil es richtig ist”, nicht „Ja, weil ich Lust habe”.
Zweitens — Bei langfristigen Investitionen. Manche Sachen fühlen sich heute nicht nach „Hell yeah” an, sind aber morgen entscheidend. Steuererklärung. Vorsorgegespräch. Schwieriges Feedbackgespräch. Wer ausschließlich nach Bauch entscheidet, prokrastiniert gut verkleidet.
Drittens — Bei Neuem, das man noch nicht einschätzen kann. Manchmal sagt der Bauch Nein, einfach weil etwas unbekannt ist. Ich versuche, zwischen „Nein, weil’s nicht für mich ist” und „Nein, weil’s mir gerade Angst macht” zu unterscheiden. Das eine ist Klarheit, das andere ist Vermeidung.
Was ich gelernt habe
Die Regel ist ein Filter, kein Gesetz. Sie sortiert die 80 % Ablenkungen aus, damit du dich um die 20 % kümmern kannst, die zählen.
Klare Neins sind ein Geschenk. Für dich und für die andere Seite. Niemand profitiert davon, wenn du halbherzig dabei bist. Ein klares Nein gibt der anderen Person die Chance, jemand anderen zu fragen, der wirklich brennt.
Du wirst nicht weniger gemocht, sondern mehr respektiert. Die ersten paar Absagen waren für mich unangenehm. Was ich nicht erwartet hatte: die meisten Leute reagieren besser auf Klarheit als auf Ausreden. Manche fragen sogar später nochmal — mit einem besseren Angebot.
Schluss
„Hell yeah or no” ist keine Erlaubnis, faul zu sein. Es ist eine Aufforderung, ehrlich zu sein — mit dir selbst zuerst, dann mit allen anderen.
Wenn du das ernst nimmst, wirst du weniger machen. Aber das, was du machst, wird besser. Und du wirst dabei nicht mehr das Gefühl haben, ständig hinter etwas herzulaufen, das dir gar nicht gehört.
Hell yeah oder Nein. Mehr braucht’s nicht.
Dieser Beitrag ist der Anker meiner Säule Selbstbestimmt leben. Wenn dich solche Themen interessieren, hol dir den Backstage-Pass.