Ich war einer der ersten, die ChatGPT ernst genommen haben. Nicht weil ich Visionär bin, sondern weil ich neugierig bin. Wenn etwas Neues auftaucht, will ich wissen, was es kann. Vor allem will ich wissen, ob es mir hilft — oder ob es nur eine weitere App auf dem Bildschirm ist, die ich nach drei Tagen vergesse.
Zwei Jahre später glaube ich: KI ist nützlich. Wirklich. Nur nicht so, wie es die lautesten Stimmen erzählen. Die meisten Texte über KI gehen an dem vorbei, was man im Alltag damit anfangen kann.
Die zwei Lager
Es gibt gerade zwei Pole. Die einen sagen, KI werde alles umkrempeln und uns ersetzen. Die anderen verkaufen Kurse, mit denen du in drei Wochen reich wirst. Beide übertreiben — und beide haben meistens etwas zu verkaufen.
Mein eigener Eindruck ist viel langweiliger: KI ist ein Werkzeug. Ein gutes, wenn man weiß, wofür. Aber ein Werkzeug bringt dir nichts, wenn du keine Ahnung hast, was du eigentlich erledigen willst.
Wie ich KI heute wirklich nutze
Ich nutze KI fast täglich. Nicht weil ich muss, sondern weil sie mir kleine Reibungen aus dem Alltag nimmt. Hier ein paar Beispiele aus meinem normalen Leben — nichts davon ist spektakulär, und genau deshalb funktioniert es.
1. Schreiben — als zweite Stimme, nicht als erste
Ich schreibe vieles selbst: E-Mails, kurze Texte, gelegentlich einen Beitrag wie diesen. Aber bevor etwas Wichtiges rausgeht, lasse ich Claude einmal drüberschauen. Ich frage: Was ist unklar? Wo verliere ich den Leser?
Was ich nicht mache: Texte komplett schreiben lassen. Das merkt man — sie klingen nach niemandem. Wenn ich einer Freundin zum Geburtstag gratuliere, soll das nach mir klingen, nicht nach einem freundlichen Roboter.
2. Schwierige E-Mails formulieren
Jeder kennt das: Du musst einer Behörde widersprechen. Oder einem Nachbarn freundlich, aber bestimmt schreiben. Oder eine Reklamation einreichen, ohne zu wirken wie ein Querulant. Ich diktiere kurz, worum es geht, und lasse mir einen sachlichen Entwurf geben. Dann passe ich ihn an. Das spart mir 20 Minuten Grübeln — und meistens auch noch Nerven.
3. Lernen und verstehen
Wenn ich auf einen Begriff stoße, der mir nichts sagt — sei es in einem Vertrag, einem Arztbrief, einem Steuerbescheid — frage ich nach. Nicht um mir die Recherche zu sparen, sondern um die Frage besser zu verstehen, bevor ich nachforsche. Wichtig: alles, worauf später eine Entscheidung folgt, prüfe ich in einer zweiten Quelle. KI kann sich irren. Das passiert regelmäßig.
4. Kleine Alltagsentscheidungen
- Was kann ich aus dem kochen, was im Kühlschrank steht?
- Welche Vokabeln sollte ich für meinen Italien-Urlaub lernen?
- Was wäre eine gute Geschenkidee für jemanden, der bereits alles hat?
- Wie erkläre ich meinem Sohn, was ein Bausparvertrag ist?
Das sind nicht die spannendsten Anwendungen. Aber genau das sind die, die sich im Alltag aufaddieren.
5. Sortieren, wenn ich nicht weiterkomme
Manchmal habe ich ein Thema im Kopf, das ich nicht greife. Eine Entscheidung, die ansteht. Ein Brief, den ich aufschiebe. Ein Problem, das ich nicht benennen kann. Dann diktiere ich es einfach ein. Ungefiltert. Und bitte um Struktur — nicht um die Lösung, nur um die Frage besser zu stellen. Oft ist das schon der halbe Weg.
Was ich gelernt habe
Drei Sachen, die ich jedem mitgeben würde, der KI ernsthaft nutzen will.
Erstens: Du musst es selbst ausprobieren. Es gibt keine Abkürzung. Lies keine Top-10-Listen. Nimm dir eine Stunde am Wochenende, ein konkretes Problem, und probier es aus. Eine Woche später weißt du mehr als aus jedem Kurs.
Zweitens: Such die unspektakulären Anwendungen. Die spannendsten Nutzungen sind die langweiligsten. Nicht „KI ersetzt deinen Therapeuten” — sondern „KI hilft mir beim Wochenmarkt-Einkaufszettel”. Genau da liegt der echte Gewinn.
Drittens: Behalte das Steuer in der Hand. KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz fürs eigene Nachdenken. Wenn du nichts zu sagen hast, hilft dir auch das beste Modell nicht weiter. Wenn du zu allem nur noch nickst, was es ausspuckt, verlierst du langfristig das Vertrauen in dein eigenes Urteil.
Was ich konkret nutze
Ich nutze nicht viele Tools. Das ist Absicht.
- Claude für strategische Arbeit, Brainstorming, Struktur. Weniger Halluzinationen, mehr Urteil.
- ChatGPT für schnelle Iterationen, wenn ich schnell mehrere Varianten brauchte.
- Google Apps Script & Zapier für Automation — Newsletter-Anmeldungen, Meeting-Notizen, zeitgesteuerte Posts. Das spart mir 8–10 Stunden pro Woche.
- Perplexity manchmal für aktuelle Informationen.
Das war’s. Ich habe Midjourney probiert, Stable Diffusion, zehn andere generative Tools. Nach zwei Wochen waren sie weg. Und ich habe kein schlechtes Gewissen.
Ich teste regelmäßig Neues. Was nach einer Woche nicht in meinem Alltag angekommen ist, fliegt wieder raus. Mehr Tools machen einen nicht besser. Weniger schon eher.
Schluss
Ich glaube nicht, dass KI uns ersetzt. Ich glaube, sie verschiebt, was wichtig ist. Geschmack. Urteilsvermögen. Die Frage stellen, bevor man nach der Antwort sucht.
Wer KI als Verstärker für seine eigene Arbeit nutzt, kommt schneller voran. Wer sie als Ersatz nutzt, merkt es spätestens, wenn jemand nachfragt. Und wer sie ignoriert, verpasst eine ganze Menge kleiner Hilfen, die das Leben einfacher machen.
So nüchtern. Und so wertvoll.