Ich hatte jahrelang ein Bild im Kopf, und es war kein schönes.
Ein Großraumbüro. Ich laufe jeden Morgen am selben Kopierer vorbei. Links der Flur, rechts die Teeküche, dazwischen das Gerät, das immer an derselben Stelle steht. Ich sage denselben Leuten dasselbe. Morgen wieder. Übermorgen wieder.
Das war nie eine Prognose. Es war eine Drohung, die ich mir selbst gemacht habe. Und sie hat funktioniert.
Wenn ich abends müde war und das Bassüben ausfallen lassen wollte, kam der Kopierer. Wenn ich keine Lust auf Gehörbildung hatte, kam der Kopierer. Wenn Harmonielehre sich anfühlte wie Hausaufgaben, die niemand kontrolliert, kam der Kopierer.
Das klingt banal, fast peinlich banal. Aber ich musste mich fast jeden Tag daran erinnern. Nicht einmal, nicht in einem großen Moment der Entscheidung. Jeden Tag aufs Neue.
Der Gegner hat einen Namen
Steven Pressfield hat dafür in seinem Buch The War of Art einen Begriff geprägt: Resistance, mit großem R. Der Widerstand.
Sein Punkt, und der hat mich beim ersten Lesen erwischt: Dieser Widerstand ist kein Zeichen, dass du auf dem falschen Weg bist. Er ist das Gegenteil. Er wird genau dort am stärksten, wo die Sache liegt, die dir wirklich etwas bedeutet. Je wichtiger das Vorhaben, desto lauter die Stimme, die dir erklärt, warum heute kein guter Tag dafür ist.
Und das ist das Hinterhältige daran: Der Widerstand klingt nie nach Faulheit. Er klingt nach Vernunft.
Er sagt dir, dass du erst noch etwas lernen musst, bevor du anfängst. Dass der Zeitpunkt gerade ungünstig ist. Dass es verantwortungslos wäre, jetzt ein Risiko einzugehen, wo doch gerade alles läuft. Dass man das später immer noch machen kann.
Jeder einzelne dieser Sätze stimmt sogar. Das ist der Trick.
Warum es dafür erst eine Diagnose braucht
Es gibt ein Muster, das mich nicht loslässt.
Menschen bekommen eine ernste Diagnose. Und auf einmal kündigen sie den Job, fangen das Studium an, das sie mit zwanzig nicht gemacht haben, oder greifen nach dreißig Jahren wieder zum Instrument. Innerhalb von Wochen passiert, wofür vorher Jahrzehnte nicht gereicht haben.
Und manchmal geht die Krankheit anders aus als prognostiziert. Die Person ist dann immer noch da, lebt aber plötzlich ihr Ding. Und die Umgebung wundert sich.
Mich wundert etwas anderes. Nämlich dass wir offenbar eine Frist brauchen, damit wir anfangen. Die Frist war immer da. Sie wurde nur nicht ausgesprochen.
Ich schreibe das nicht, um dir Angst zu machen. Ich schreibe es, weil es die ehrlichste Beschreibung des Widerstands ist, die ich kenne: Er verliert nur dann, wenn die Zeit sichtbar knapp wird. Solange sie unsichtbar knapp ist, gewinnt er.
Das Risiko, das du nicht siehst
Mein Weg ist anstrengender. Das will ich gar nicht kleinreden.
Ich weiß nicht, was in drei Monaten ist. Ich weiß nur, was ich heute tun kann, damit in drei Monaten das passiert, was ich möchte. Das bedeutet ständiges Lernen, ständiges Anpassen, ständiges Verändern. Die Freiheit, einfach einen Flug zu buchen und wegzufliegen, sieht von außen leicht aus. Sie hat Jahre Vorbereitung gekostet. Wie man aus dem Stillstand herauskommt, steht hier.
Aber die Vorstellung, dass es daneben einen Weg ohne Risiko gäbe, ist eine Erfindung.
Die meisten Menschen haben sich an etwas gewöhnt, bei dem sie glauben, kein Risiko zu tragen. Weil sie angestellt sind. Weil alles so läuft, wie es laufen soll. Weil man von einer Woche zur nächsten lebt und in drei Monaten wieder Urlaub hat.
Das ist aber kein fehlendes Risiko. Das ist ein Risiko, das jemand anders für dich verwaltet, und zwar nach seinen Interessen, nicht nach deinen.
Und dann ist da noch der Teil, über den selten jemand spricht. Du läufst am Kopierer vorbei und sagst denselben Leuten jeden Morgen „Hallo, schön, dass du da bist”. Und meinst es nicht so. Nicht weil du ein unehrlicher Mensch wärst, sondern weil es nicht die Menschen sind, die du dir ausgesucht hättest. Du hast sie nicht ausgesucht. Jemand hat sie eingestellt.
Die Kollegen, die du dir aussuchen würdest, gibt es im anderen Leben. Und falls die auch nicht passen, nimmst du die nächste Weggabelung und gehst weiter.
Veränderung passiert sowieso
Das Komische ist: Veränderung findet ohnehin statt. Jedes Jahr, in jedem Leben.
Viele bekommen sie nur nicht mit, weil sie davon ausgehen, dass es schon so weiterläuft. Nächstes Jahr ist auch wieder ein Jahr. Übernächstes auch.
Der Unterschied zwischen den beiden Leben ist nicht, ob sich etwas verändert. Der Unterschied ist, ob du die Richtung bestimmst oder ob sie dir zugeteilt wird. Wie du das für dich klärst, beschreibe ich in diesem Beitrag.
Die ehrliche Einschränkung
Jetzt der Teil, den die meisten Texte zu diesem Thema weglassen.
Es gibt keine Garantie. Das Leben, das du in dir vermutest, macht dich vielleicht gar nicht glücklich. Vielleicht ist es eine Vorstellung, die hübscher ist als die Wirklichkeit dahinter. Das kommt vor, und dann hast du Zeit investiert in etwas, das es nicht war. Wer vorher aussortiert, was nicht zählt, findet schneller heraus, was es ist: Das Fokus-Prinzip.
Dagegen hilft nur ein Gedanke, und er ist schwach, aber er ist der einzige, den ich habe: Du findest es nur heraus, indem du es versuchst. Wer es nicht versucht, hat auch eine Antwort. Sie lautet Kopierer.
Ich selbst weiß immer noch nicht, was in drei Monaten sein wird. Ich weiß nur, dass ich seit über dreißig Jahren keinen von innen gesehen habe, und dass sich das richtig anfühlt.
Was du daraus mitnehmen kannst
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Erkenne den Widerstand an seiner Stimme. Er klingt nicht nach Faulheit, sondern nach Vernunft. Wenn du dir sehr gute Gründe dafür lieferst, warum heute nicht der Tag ist, dann ist heute wahrscheinlich genau der Tag.
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Finde dein eigenes Bild. Bei mir ist es der Kopierer. Du brauchst etwas, das sofort da ist, wenn du abends keine Lust hast. Kein Ziel, das dich zieht, sondern ein Bild, das dich schiebt.
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Hör auf, das eine Leben für riskant und das andere für sicher zu halten. Beide tragen Risiko. Der Unterschied ist nur, wer es verwaltet.
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Fang heute an, nicht gut. Eine Stunde Üben, ein Telefonat, eine Anmeldung. Der beste Tag für Veränderung war gestern. Der zweitbeste ist heute.